Australien

Teil 1

21. Dezember 2009

Hi Mates
Seit gut zwei Wochen bin ich nun Down Under und seit gut einer Woche wieder im Sattel. Die Ankunft in Sydney war sommerlich. Shorts und Flip Flops zeigen mir schon am Airport: ich bin angekommen.

Mein Quartier liegt mitten in China Town. Wie in den asiatischen Vierteln üblich, gibt es Essen an jeder Ecke. Aus Erfahrung weiss ich, dass die Chinesen alles essen was mit dem Rücken zum Himmel zeigt. Dementsprechend abwechslungsreich ist die Küche...

K1024 Aussie 1 001Ich brauche einen Tag, um noch ein paar Sachen wie Zelt, Kocher etc. zu kaufen. Das ist hier relativ einfach und sehr günstig. Den zweiten Tag verbringe ich als Tourist mit der obligatorischen Hafenrundfahrt rund um die weltbekannte Oper und die Harbour Bridge. Schliesslich sagt man nicht umsonst, Sydney sei die schönste Hafenstadt der Welt. Am Tag meines Hafenbesuchs kommen drei Ozeanriesen an und bringen auf einen Schlag gut 7‘000 neue Touristen. Das sind Dimensionen!
Das Wetter ist angenehm. Überall sieht man Weihnachtsschmuck und die schönsten Plastik-Weihnachtsbäume, gerade gewachsen und hübsch dekoriert. Aus jedem Lautsprecher ertönt "Jingle Bells" – und das Ganze bei 25 Grad.

Da die Australier sehr freundliche Leute sind, wird man immer mit einem „Merry Christmas“ verabschiedet. Am Anfang ist das gewöhnungsbedürftig, irgendwann sagt man das dann aber auch.
bob and raeNach zwei Tagen geht es Richtung South Australia (SA) nach Adelaide. Dort besuche ich meine guten Freunde Bob und Rae. Sie zeigen mir zwei Tage Adelaide und die Umgebung. Adelaide ist der einzige Staat in Australien, welcher nicht durch englische Gefangene besiedelt wurde, sondern durch freiwillige Auswanderer. Sehr viele auch aus Deutschland.
Die Temperaturen steigen auf stolze 35 Grad und wir geniessen die Kühle in den vielen Weinkellern. In Hahndorf, der ältesten deutschen Siedlung, gibt es unter blauweisser Flagge alles, was der Magen begehrt.
Ich entscheide mich dafür, so nah als möglich der Küste entlang (Princess Highway) erstmal nach Melbourne zu radeln. Das sind gut 1‘100 km. Auf dem Weg dorthin entlang der Great Ocean Drive sind auch die weltberühmten 12 Apostel. Man sagte mir zwar, es sollen nur noch 9 sein, der Rest sei umgekippt und im Meer versunken. Schau‘n mer mal.
Der Anfang der Velotour gestaltet sich als echt schwierig.Ich verlasse Adelaide bei 42 Grad. Nach den Bergen kommt man in eine Buschlandschaft wo es absolut keinen Schatten gibt. Ich muss alle 30 min. eine längere Pause machen und mich von der Hitze erholen. Das Wasser in den Bidons hat eine gefühlte Temperatur von mindestens 60 Grad und ich komme in Versuchung, einen Lipton’s Teebeutel reinzuhängen. Verzichte dann aber doch darauf.

Teil 2


Jetzt kommt auch noch der Gegenwind dazu, moralisch bin ich schon nach 65 km am Ende. Aber die nächste Unterkunft ist noch sage und schreibe 7 km entfernt. Das sind in so einem Moment scheinbar unüberwindbare Distanzen. Total am Ende erreiche ich mein Ziel und brauche 2 Stunden, um mich zu erholen.
Der nächste Tag wird noch heisser (46 Grad im Sattel) inkl. Gegenwind. Doch es wird noch schlimmer: Nebst Hitze und Gegenwind ist diese Gegend um diese Jahreszeit auch für ihre Fliegenplage bekannt. D.h. Millionen, nein Milliarden von dieser Spezies haben nichts besseres zu tun als sich Menschen zu suchen, auf denen sie sich niederlassen können. Sie lieben Ohren, Nasen und Münder. Ich habe noch nie auf einen Schlag so viel Protein zu mir genommen. Eine echte Plage. Die Locals empfehlen mir ein Fliegennetz für den Kopf zu kaufen.

Nach 6 Tagen und 450 km erreiche ich mal eine grössere Ortschaft (Mount Gambier) wo ich auch zum ersten Mal Internet finde und diesen Bericht schreibe. Hier gibt es einen herrlichen Kratersee in einem noch nie gesehenen satten Blau.Das war der erste Bericht über meine ersten Tage in Down Under. Gleich geht es weiter in Richtung Portland. Nach Melbourne sind es ja nur noch ca. 480 km.
so, nun wünsche ich Euch allen besinnliche Feiertage und einen guten Rutsch in das neue Jahr.
Einen sommerlichen Gruss bei 30 Grad aus Mont Gambier
Guenter

Teil 3

10. Januar 2010

Vorab einen grossen Dank an alle, die mir per Mail so viele Weihnachts- und Neujahrsgrüsse geschickt haben. Ich habe mich riesig gefreut und versuche, alle so rasch als möglich zu beantworten.

Der Prolog ist geschafft; ich habe die ersten 1000km in Down Under hinter mich gebracht und bin jetzt schon in Auckland/Neuseeland, wo ich mich auf das Höhentraining vorbereite. Aber alles der Reihe nach:

altNachdem ich Mt. Gambier verlassen habe, kämpfe ich mich mit Gegenwind, Hitze und natürlich den Fliegen weiter in Richtung Great Ocean Road. Die GOR soll eine der schönsten Küstenstrassen der Welt sein. Unter anderem auch wegen der 12 Apostel. Das will ich mir nicht entgehen lassen. Ausserdem bieten sich in dieser Gegend auch wenig Umfahrungsmöglichkeiten. Der Küste entlang gibt es nur die eine Strasse. Das bedeutet auch sehr viel Verkehr, inkl. der supergrossen Trucks.
Seit Adelaide gibt es sehr wenig Backpacker oder Jugendherbergen und die Campsites sind meist sehr abgelegen. So übernachte ich meistens in kleineren Motels, Roadhouses oder in Pubs.
Meistens sind es Dörfer mit 50 bis 500 Einwohnern, aber ein Pub gibt es immer. Der Vorteil daran ist: es gibt immer genug Zapfhähne, um die vielen verfügbaren Biere auszuprobieren. Allerdings kann es auch sehr lange sehr laut sein.
Überall hier wird an Slotmachines gespielt (ab 9:00 Uhr morgens für Senioren) und es wird auf alles gewettet, was sich bewegt; Hunde, Pferde etc. Das Ganze sowohl virtuell, als auch live am Bildschirm. Es sind immer ca. 20 Bildschirme aktiv und es geht laut her.
altDer Vorteil an den Dörfern ist, man wird sofort als Non-Local erkannt und kommt ins Gespräch. Auch wenn die Aussies im Allgemeinen sehr sportlich sind; mit dem Velo von Adelaide nach Sydney zu fahren, finden sie einfach „crazy“.
Die Fliegen sind so schlimm, dass ich mir ein Netz für den Kopf kaufe. Nicht gerade sehr sexy, aber es macht das Velofahren wieder angenehm. Nur das Trinken aus dem Bidon muss ich neu lernen; mit einer Hand das Netz lüften und mit der anderen den Bidon ansetzen.

Weihnachten verbringe ich in Warrnambool in einem kleinen Motel mit ein paar importierten Plätzchen aus der Schweiz. Für die Aussies fängt Weihnachten so richtig am 25.12. an. Dann werden die Geschenke verteilt. An diesem Tag trägt jeder eine weiss-rote Zipfelmütze, trotz der 30 Grad und in Shorts der Grösse XXXL.

Teil 4



Boxing Day (26.12.) ist dann der eigentliche Beginn der 6 Wochen Ferien. Alles was ein Auto besitzt, fährt in Richtung Küste. Das bekomme ich auch einen Tag später auf der Great Ocean Road zu spüren. Die Strasse ist sehr eng, kurvig und teilweise in den Fels gehauen, ohne Standstreifen und bei einem permanenten Up und Down. Die schlingernden Wohnmobile und die grossen Trucks machen das Fahren zur Tortur. Es gibt ein paar kritische Situationen, die aber gut ausgehen. Ich bereue es nicht, einen Helm zu tragen. Übrigens: in Australien und Neuseeland besteht seit ein paar Jahren Helmpflicht beim Fahrradfahren. Das hat zur Folge, dass die Anzahl Velofahrer zurückgegangen ist, was sogar durch neueste Untersuchung belegt ist.
Die Landschaft hier ist wirklich einmalig. Immer wieder fährt man direkt am Meer entlang und viele Buchten mit weissem Strand laden zu einer Erfrischung im Wasser ein.
Die 12 Apostel sind wirklich ein Naturschauspiel ersten Grades. Majestätisch erheben sich die Sandsteine aus der Brandung. Sie sind durch Erosion aus der bestehenden Küste entstanden. Die Wellen und der starke Wind haben den Sandstein bis auf die Felsklippen abgetragen. Die Höchste der Sandsteinsäulen ist 45 Meter hoch. Jährlich werden ca. 2cm der Klippen abgetragen.

Die GOR zieht sich bis Torquay (südlich von Melbourne). Es macht echt Probleme, in dieser Zeit irgendeine Unterkunft zu finden. Sogar die Campsites sind bis auf den letzten Quadratmeter belegt. Da es in Australien verboten ist, wild zu campen, gehe ich zweimal zur lokalen Polizei und frage, ob ich es trotzdem darf. Sie gibt sich zwar verständnisvoll, Gesetz sei aber Gesetz – auch in der Hochsaison. Ich weiche auf an der Strasse liegende Farmen aus, wo ich gern gesehener Gast bin.

Melbourne umfahre ich südlich über Queenscliff und Phillip Island. Phillip Island ist bekannt für die Pinguine, die nachts zum Schlafen an Land kommen und die vor der Küste liegende Robben-Gemeinschaft. Dort sollen je nach Saison bis zu 80‘000 Robben leben. Ich fahre mit einem Schiff dorthin und bin hellauf begeistert. Man riecht die Kolonie schon von weitem. Es stinkt regelrecht, aber die Robben heissen uns mit einem Wasserballet willkommen und geniessen es sichtlich, sich in Szene zu setzen. Ein echtes Highlight.

Teil 5



Meine Zeit in Australien läuft ab und ich muss mich beeilen, den Flieger von Sydney nach Auckland zu bekommen. Ich radle noch bis Traralgon und fahre dann 14 Stunden mit dem Bus nach Sydney. Die Fahrt nach Traralgon führt in die Berge und es grünt, obwohl es Sommer ist. Eine Stunde nördlich kann man im Winter sogar skifahren. Der Verkehr ist wie verschwunden und die Landschaft ist hügelig und die Strassen in gutem Zustand.
Ich war gut 4 Wochen in Down Underund habe die Zeit genossen. Es hat wohl ca. 10 Tage gedauert, bis ich mich wieder an das Velonomadenleben gewöhnt habe. Velofahren, Unterkunft suchen, essen und trinken machen den Grossteil des Tagesablaufs aus.

Australien ist ein Land mit grossen Distanzen. Es kann sein, dass man 2-3 Tage immer nur durch die Steppe fährt. Aber der Vorteil mit dem Velo ist die Geschwindigkeit; man sieht und hört so viel links und rechts der Strasse, da wird es einem nie langweilig.

Ich empfand Australien als sehr kostenintensiv. Übernachtungen, Lebensmittel, Zeitungen, Eintritte, Internet etc. haben mitunter Schweizer Niveau. Anscheinend sind aber die Gehälter auch dementsprechend, und der starke AUD hat auch seinen Anteil daran. 
Das war der 2. und letzte Bericht aus Down Under. Ich bin schon in Auckland und fahre die Tage durch die Nordinsel in Richtung Süden. Ich habe so viele Tipps bekommen, was ich mir alles anschauen soll, dass ich dazu sicherlich noch 2 Monate länger benötige (muss mal mit dem Chef reden…)

 

 

 


So long
Guenter

PS: Auf dem Flug von Sydney nach Auckland wurde ich beim Einsteigen in den Flieger diskret von der Security beiseite genommen und gefragt, ob ich beim Einchecken auf die Sicherheitsrichtlinien aufmerksam gemacht wurde? Ich sagte, ich wisse es nicht mehr. Die Security sagte mir, ich hätte den ganzen Flieger zum Explodieren bringen können, da sie beim Scannen in meinem Gepäck eine kleine Gaskartusche entdeckt hätten (die ist für meinen Kocher). Sie hätten die Kartusche rausgenommen, alles wieder ordentlich verpackt und teilten mir nun mit, ich könne sie mir bei Gelegenheit in ihrem Büro abholen. Ob das so o.k. für mich sei? Ich habe genickt, mich artig bedankt und durfte dann einsteigen. Gut dass mir das nicht in Amerika passiert ist.

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