goEast Tadschikistan

Vorab ein grosses „Danke Schön“ an alle die mich angeschrieben haben wegen dem Attentat auf die Velofahrergruppe am 29. Juli 2018 hier in Tadschikistan. Der Vorfall hat mich sehr betroffen gemacht. Ich habe hier auf dem Pamir Highway unzählige Velofahrer aus aller Welt getroffen die die Strapazen auf sich nehmen auf 3500m Höhe, schlechten Strassen und mehreren 4000er Pässen einen Traum sich zu erfüllen. Alle sind traurig und konsterniert. Ein paar hatten Mitglieder der Gruppe noch in Dushanbe getroffen. Manche die von Osh in Richtung Dushanbe fahren überlegen sich die Tour abzubrechen oder Tadschikistan wieder zu verlassen. 

Für mich heisst es, auf zum Dach der Welt. Schon Marco Polo ist 1275 mit seinem Vater hier entlang gekommen. Später war der Highway eine Route auf der alten Seidenstrasse. Der Pamir Highway geht von Osh in Kirgistan nach Dushanbe in Tadschikistan und hat eine Distanz von 1200km. Die 500kmIMG 8692 Strecke von Sary Tash nach Kharog sind sicherlich die anspruchsvollsten. Es gibt 3 Ortschaften, 4 Pässe, keine Menschen, Einsamkeit und Natur pur.

Wie geplant reise ich von Sary Mogul in Kirgistan in Richtung Grenze nicht ohne vorher noch den schneebedeckten Pik Lenin mit seiner 7143m Höhe zu bewundern. Bulli und ich verabschieden sich auch von den gepflegten Teerstrassen. Die Fahrt zur tadschikischen Grenze IMG 8675auf 4336m ist wieder mal vom Feinsten. Die Kirgisen lassen mich problemlos ausreisen. Dann geht es 20km durchs Niemandsland bis dann auf 4336m am Kyzyl-Art Pass ein paar Container stehen. Tadschikistan. Die Piste dahin war zum grössten Teil aus Lehm, gut das es trocken war, bei Regen hätten wir das nicht geschafft, zu schlüpfrig. Bei der Fahrzeugkontrolle höre ich nur „Wodka?“. Ich will ihnen eine Coke geben, wird aber abgelehnt. Ein kleiner Spiessrutenlauf durch mehrere Container und immer wieder eine Gebühr zu zahlen, gegen Quittung, geht es nach einer Desinfektion der Reifen der letzte Schlagbaum hoch und ich bin in Tadschikistan auf dem „Dach der Welt“, resp. Pamir Highway, eines meiner Reiseziele der Tour. Es liegen 4 Pässe vor uns, alle mit über 4000m Höhe. Ein Grossteil der Route führt dabei über das Pamir-Plateau und liegt nie unter 3.500 m. Offen gesagt, ich habe ein wenig Bedenken ob Bulli und ich die Höhe über Tage vertragen. Noch nie war ich so hoch und habe auf dieser Höhe übernachtet. Die Landschaft ist fantastisch, auf gut 3800m wechseln sich Steinwüste mit Sandwüste ab, keine VegetationIMG 8695, eine Mondlandschaft. Den höchsten Pass, den Akbaytal Pass mit 4646m schaffen wir problemlos, jetzt bin ich überzeugt das wir auch den Rest vom Pamir Highway schaffen. Immer wieder staune ich über karge faszinierende menschenleere Bergwelt. Die unglaubliche Farbenvielfalt der kahlen Berge lassen mich nicht mehr los. Linkerhand geht es Kilometerlang entlang dem chinesischen Grenzzaun. Die Strasse mit Löchern und etwas Teer herum, Bodenwellen und Wellblech fordern uns beide und drücken die Reisegeschwindigkeit auf ca. 20km/h. Ein „Hut ab“ für alle Velofahrer die ich unterwegs treffe, gut nur für sie, dass das Wetter mitspielt. Ein paar mal gebe ich bei Bedarf eine Flasche Wasser oder Coke ihnen mit. In Murgab mache ich die erste Station und schlafe recht gut auf 3500m Höhe. Strom und warme IMG 8698Dusche gibt es nur ab 18:30 bis 22:00. „Kein Netz verfügbar“ wird die nächsten Tage mein Begleiter sein. Die erste Tankstelle in Tadschikistan ist echt sehenswert. Bin gespannt wie gut und sauber das Benzin ist. Ich entscheide mich die Standardroute entlang der M41 zu nehmen. Von der Route durch das Whakan Valley entlang der afghanischen Grenze wird mir abgeraten, da die Piste je nach Wetter ein 4-Rad Antrieb erforderlich macht. Die Mondlandschaft nimmt kein Ende bis ich in Kharog ankomme. Unterwegs wird mir von den Hirten, Bauarbeitern, Kindern und Erwachsenen am Strassenrand immer wieder zu gewunken. Bei jedem Stopp kommen die Menschen und begrüssen mich mit Handschlag und einem Sala meileikum. So gut es geht verständigt man sich dann auf eine sehr nette Art und Weise. Die Route am Fenster dient immer zum erklären wo ich her komme und wo ich hin will. Schon seit Russland bin ich erstaunt, dass kaum jemand je eine Landkarte gesehen hat, die Leute stehen davor und haben keine Ahnung wo ihr Land ist. Nach ein paar Tagen komme ich in Kharog an und bin stolz auf Bulli und mich den schwierigsten Teil vom Pamir Highway geschafft zu haben. In Kharog auf dem Markt wird man immer mit einem Lächeln angeschaut und begrüsst. Eine sehr nette und bis dato ungewohnte Geste. Der Coiffeur (Friseur) kostet mich umgerechnet 1Euro. Der gute Mann hatte Zeit und so viel cm um cm. Ich sehe jetzt ein wenig kahl aus, wie die Berge um mich herum. Afghanistan ist direkt gegenüber auf der anderen Seite vom Fluss Pamir, ein irgendwie komisches Gefühl. Die Luft ist so trocken und die Temperaturen so hoch, dass trotz vielem trinken (Wasser) kaum etwas raus kommt. Der zweite Abschnitt von Khorog nach Duschanbe ist anders als die östliche Etappe. Hier führt die Straße zumeist spektakulär durch enge Täler und schmiegt sichIMG 8750 dabei oft hoch über tosenden Flüssen entlang der steilen Felswände. Ein permanentes Winken von Klein bis Gross am Strassenrand begleitet mich die ganze Route. Gut 200km vor Dushanbe, natürlich auf einer Passstrasse aus Schotter, hat Bulli genug. Er bleibt einfach stehen und will nicht wieder starten. Fast jedes Auto auch aus der Gegenrichtung hält an und fragt ob sie helfen können, oder geben mir eine Flasche Wasser. Sogar ein ca. 6m breiter Mähdrescher stoppt und will helfen. Es ist eine Sitte hier, sich erst mit einem Handschlag zu begrüssen. Nach gut einer Stunde hält ein Lieferwagen und bietet an mich zum nächsten Ort zu ab zu schleppen. Gerne nehme ich an und lasse mich die Schotterpiste zur Passhöhe hoch ziehen. Dort wird abgekuppelt und ich rolle geschätzte 25km bergab, der Lieferwagen immer hinter mir. Ein ganz neues Gefühl, ich glaube ich wurde das letzte mal vor ungefähr 45 Jahren mit einem VW Käfer abgeschleppt. In der Ebene ausgerollt wird wieder angehängt und es geht zu einem Autoelektriker. Dort wird alles stehen und liegen gelassen und sich um den Exot gekümmert. Ich bin skeptisch und beäuge wie die Menge den Fehler lokalisiert. Das ganze ohne ein Wort russisch oder englisch. Angeblich ist ein Teil vom Verteiler kaputt. Der wird ausgebaut und mit abenteuerlichem und selbst gebasteltem Werkzeug in seine Einzelteile zerlegt. Der Experte zeigt mir das defekte Teil, ich sehe nicht, dass da was kaputt ist. Es werden viele Fotos (dank der Smartphones) von dem Teil gemacht und nach Dushanbe geschickt. Es dauert ca. 2 Stunden bis IMG 8778in Dushanbe das Teil (vom Golf III) gefunden wird. Der Garagenbesitzer macht sich auf die 3-4 stündige Fahrt um das Teil in Dushanbe zu holen. Am nächsten Morgen ist er um 8:30 wieder zurück und das Teil wird in 20 Minuten eingebaut. Ich bin nach der Nacht die ich in der Garage verbracht habe immer noch skeptisch, was mache ich wenn das Teil auch nicht funktioniert? Alle Gedanken umsonst, eingebaut und Bulli springt an. Was für ein Gefühl. Ein paar Dollar bezahlt und nach vielen Fotos ging es weiter. Lerneffekt: gelassen bleiben, vertrau den Menschen, sie werden alles tun um dir zu helfen. An dieser Stelle auch meinen Dank an Herr Tanner von der Büel Garage, der mich telefonisch unterstützt hat.

Was in Kirgistan Audi ist, ist in Tadschikistan Opel. Circa jedes zweite bis dritte Auto in Kirgistan ist ein Audi aus den letzten 4 Generationen. In Tadschikistan ist es Opel, sicherlich jedes zweite Auto ist ein Vectra oder Astra. Volkswagen ist hier unbekannt.

In Dushanbe wird meine erste Aktion dann sein, zum turkmenischen Konsulat gehen wegen meinem Visum. Je nach Entscheid plane ich dann meine weitere Route. Gut das Dushanbe eine sehr angenehme Stadt ist, viel Grün, Gärten und Springbrunnen, und welch Genuss, wieder mal nach langer Zeit richtig gut essen, nach den relativ fettigen Gerichten Osh, Shurbo unterwegs. Yakfleisch ist auch nicht so besonders lecker. Der Autoverkehr und das beachten aller Verkehrsregeln und Schilder in Dushanbe ist das angenehmste was ich seit gut 19’000km erlebt habe. Man kann die Bürgersteige entlanggoogle earth laufen ohne in ein Loch zu fallen, Zebrastreifen überqueren ohne überfahren zu werden, Ampelschaltungen werden beachtet, es gibt Strassenmakierungen, überall gibt es Plätze zum ausruhen, klimatisierte Geschäfte, nette Cafés, gute Museen, eine Kombination die auf meiner Tour bis jetzt einmalig ist und zum verweilen einlädt. Die Menschen sind wie schon unterwegs neugierig ohne aber aufdringlich zu sein. Die Temperaturen sind subtropisch, Sonnenschein pur, tagsüber locker 40Grad+, nachts dann so um die 30Grad, optimal in einem Urlaub. Flip Flops, kurze Hosen und T-Shirt, so lässt es sich leben.

Wie schon in Kirgistan habe ich auch hier in Tadschikistan keine Polizeikontrolle gehabt, wo es um Korruption resp. Schmiergeld ging. In Kirgistan wurde der Polizei von der Regierung befohlen Touristen in der Hochsaison nicht zu zwingen Schmiergeld zu bezahlen. In Tadschikistan ist 2018 das Jahr des Tourismus. Bei allen Polizeikontrollen werde ich sehr höflich gebeten die „Dokumente“ zu zeigen und dann mit einem netten „welcome to Tadschikistan“ verabschiedet. Hoffentlich bleibt es in beiden Ländern bei den Massnahmen, bzw. zahlt der Staat der Polizei genug Gehalt zum leben. Das Land und die Menschen mit ihrer Offenheit und Freundlichkeit haben es verdient. 

gefahrene Route:

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