Libyen

Teil 1

GaddafiDie Zöllner kennen mich bereits vom Warten seit zwei Tagen. Sie sind echt freundlich, können mir aber nicht helfen. Libysche Autofahrer machen Fotos von mir, laden mich nach Hause ein, aber ich habe noch immer kein Visum... An der Grenze begrüsst mich Mister Gaddafi in blauer Flieger-Sonnenbrille stolz von einem ca. 10m grossen Bild. Er wird mich die nächsten vier Wochen auf Schritt und Tritt begleiten. Der erste Kultur-Stopp ist in Sabratha geplant. Dort findet man Überreste der Römer von vor über 2000 Jahren, darunter ein sehr gut erhaltenes Theater. Ramadan ist seit 18 Uhr vorbei und es gibt Spaghetti mit Fleisch, lecker...

Auf dem Weg zum Hotel werde ich in einem Shisa Cafe von Jugendlichen bestaunt, die sich Real Madrid gegen Barcelona (2:0) auf einem überlauten Fernseher anschauen. Es wird ganz lustig alles auf Arabisch zu sehen und sich mit ein wenig englisch zu verständigen, aber Fussball verbindet und die Shisa schmeckt. Libyen hat ein noch grösseres Abfallproblem als Tunesien - einfach unglaublich wie das hier aussieht. Die Autofahrer hier sind ebenfalls reine Kamikaze-Fahrer. Mitten auf der Strasse machen sie einen power slide um den anderen zu imponieren, das werden noch anstrengende 1800km entlang der Küste. Der Lärm ist um ein Vielfaches grösser als in Tunesien: Ohropax, ich lasse grüssen.

Bild LibyenEs wird auch immer wärmer, die Temperatur steigt am Mittag auf 36 bis 38 Grad und das ohne Schatten und zur Erfrischung gibt es immer nur warmes Wasser. Tagsüber haben die Restaurants immer noch geschlossen, die drei Tage nach Ende des Ramadans sind die Neujahrstage, also tagsüber erneut nur Käse und Thunfisch in Dosen. Es kommt dazu, dass in Libyen alles in Arabisch angeschrieben ist, die Strassenschilder, die Hotels, einfach alles, das macht es auch nicht einfach.

Ich habe mir eine Strassekarte auf Arabisch gekauft, damit ich mich besser orientieren kann. Heute war ich im Jamahiriya Museum und habe mich über die Geschichte der Libyer informiert, das umfasst das griechische, das römische, das byzantinische Reich, die Vandalen und seit 37 Jahren Gaddafi. Sehr gut erhaltene römische Skulpturen (ohne abgehauenen Kopf), tolle Mosaiken über 2500 Jahre alt, sind echt einen Besuch wert. Warum die Hälfte des Museums geschlossen ist , kann keiner beantworten. Der blaue VW Käfer von Gaddafi mit der er in seiner Untergrundzeit das Land bereiste und die Leute von der Revolution überzeugte, ist ganz stolz zur Schau gestellt (siehe auch Bildergallerie). Jetzt heisst es noch warten auf die neue Mastercard, die alte hat so ein blöder Bancomat in Tunesien einfach behalten...

Teil 2

Nachdem ich es schadlos bis Tripolis geschafft habe und dort drei Tage mit Polizei (wegen Passeintrag) und DHL (wegen Mastercard) verbracht habe ging es in Richtung Laptus Magna. Laptus Magna ist eine der drei ancient cities und liegt direkt am Meer. Bild LibyenEs ist UNESCO Weltkulturerbe und echt einen Besuch wert. Laptus Magna ist eine römische Siedlung und ca. 2200 Jahre alt. Die Siedlung wurde die letzten Jahrzehnte teilweise ausgegraben und gibt einen sehr guten und erhaltenen Eindruck wie zur Blütezeit des römischen Reiches ca. 100000 Leute gelebt haben. Wirklich einzigartig. die Schnelltour alleine dauert ca. vier Stunden. Die Basilika, das Theater, die Bäder, der Markt sind so gut erhalten, dass man sich um 2000 Jahre zurückversetzt glaubt. Besucher sieht man so gut wie kaum. Unterwegs werde ich immer wieder von Libyern in ihrem Auto angehalten und es werden Fotos und Videos mit den neusten Handys von mir oder gemeinsam gemacht. Mobile telefonieren ist eine Sucht hier, jeder hat mindestens ein Handy wenn nicht sogar zwei und diese immer in den Händen. Wenn man dann mal eins benutzten will, heisst es aber immer wieder, "sorry no charge" (Batterie leer) oder "no balance" (Prepaid-Karte ist leer) der Verkehr lässt auch ein wenig nach, was aber nicht heisst das es ungefährlicher wird. Die Strassen sind teilweise voll von Schlaglöchern, so das Slalomfahren angesagt ist. Die Distanzen zwischen den Ortschaften werden auch immer länger so dass noch eine Dose Thunfisch mehr im Gepäck Platz findet. Irgendwann leuchte ich mal wegen dem Schwermetall wie ein Glühwürmchen. Nur gut, dass es überall gekühlte Getränke gibt. So langsam lerne ich auch die Preise kennen, und staune wie billig Lebensmittel und Benzin ist. Es gibt hier nur Scheine, das hat den Vorteil, dass du das Gewicht der Münzen nicht mit dir tragen musst.

Tatsache ist, dass ich einer der wenigen Individual-Reisenden bin und das mit einem Velo. Ausländer kommen mit organisierten Reisen oder es sind Monteure, die hier arbeiten. Das ist für die Libyer sehr ungewohnt und sie machen sich Sorgen um mich im speziellen wegen dem Verkehr. Ich habe bis jetzt kein einziges Velo gesehen. Jetzt verstehe ich auch die Autofahrer. Ein junger Student hat mir mal gesagt, dass nach der Revolution 1969 Sport keinen Stellenwert mehr hatte resp. staatlich nicht gefördert wird. Schule, Uni, Strom, Spital und Wasser sind für die Bevölkerung umsonst. Der sozialistische Staat schaut nach seinem Volk. Das Durchschnittseinkommen liegt bei ca. 750 CHF/p.Mt. Ich habe mittlerweile Dutzende von zwei Quadratzentimeter grossen Zettel bei mir mit Handynummern und Yahoo-Email-Adressen, wenn ich einmal Hilfe benötigen sollte. Ab und zu zahlt irgendein Unbekannter im Food Stall mein Essen, einfach so. sehr oft werde ich gefragt ob ich Geld brauche oder sonst irgendetwas. wirklich sehr fürsorglich die Libyer. Ansonsten scheinen sie mir eher arbeitsscheu, es gibt sehr viele Marokkaner, Ägypter, Sudanesen und Westafrikaner hier. Der richtige libysche Mann macht Business, raucht von morgens bis abends in einem der vielen Strassenkaffees Shisha und macht halt Business.

Das Bildungsniveau scheint mir relativ hoch, es wird gut englisch gesprochen, zumindest in den drei Zentren hier. Der Rest geht mit Händen und Füssen und ein wenig arabisch. Die Küstenstrasse von Misratha nach Bengazi ist stinklangweilig, immer nur geradeaus. Mein GPS zeigt nur links das Meer, dann eine Strasse, dann ein Pfeil (das bin ich) und rechts die Wüste, und das über hunderte von Kilometer. Keine Ortschaft, gar nichts. Allah sei Dank, dass es doch alle hundert Kilometer einen kleinen Verpflegungsposten gibt. Bei einer Polizeikontrolle bekomme ich von einem Polizisten alkoholfreies gekühltes Bier geschenkt, lecker. Die Wüste ist keine Sandwüste, sondern eine Dreckwüste (Petflaschen, Plastikbeutel und Konservenbüchsen) mit ein paar Büschen und Steinen, sonst nichts. Hier befinden sich die grössten Raffinerien Nordafrikas, für Oel und Gas. Da die Küste kein Wasser hat, wird dieses aus bis zu 500 Kilometer Entfernung aus der Wüste Pipelines mit fünf Meter Durchmesser aus der Wüste hier her gepumpt. Libyen ist seit den Oelfunden ende der 50er Jahre das reichste Land Afrikas und kann sich komplett selbst versorgen.

Bild LibyenDie Autounfälle sind sehr spektakulär und es vergeht kein Tag, wo ich nicht an einem Haufen Schrott vorbei fahre. Kein Wunder bei dem Zustand der Autos, Gas geben, bremsen und hupen das muss funktionieren, der Rest ist Luxus. Die Millionen von defekten LKW-Reifen am Strassenrand bieten eine bequeme Raststätte für mich und mein Fladenbrot mit Thunfisch. Ich habe gar nicht gewusst, dass Reifen soviel Stahl enthält. Ein Vergnügen der Autofahrer ist es, wenn sie mich sehen, egal von welcher Richtung, zu hupen und zu winken. Am Abend heisst es nur noch ein ruhiges Zimmer zu finden, wenn möglich weit weg von irgendeinem TV- oder CD-Laden. Dort heisst es fast 24 Stunden voll Power. Kein Plätzchen ohne Fernseher hier. die schönsten Stunden sind zwischen 3 Uhr morgens und 8 Uhr morgens. Da schlafen auch die business men.

Zurzeit bin ich in Bengazi, um Wäsche zu waschen und das Internet zu pflegen. An dieser stelle ein Dankeschön an alle die mir mailen, ich freue mich über jede Mail und versuche sie auch zu beantworten. Die Internetcafe-Dichte ist hier übrigens ausgezeichnet, und alle sind klimatisiert und rauchfrei, und das in einem Land, wo praktisch jeder Marlboro-Kettenraucher ist. Vorgestern war ich direkt am Meer Seafood essen, 1 kg frisch gegrillte Octopus, Calamares mit Salat, zwei Fanta und Brot für ca. CHF 3.50. Heute geht es noch einmal dahin. Gestern gab es eine halben Hahn mit Salat und Brot für CHF 3.50, danach in eine der herrlichen Patisserien (in Tunesien gab es wesentlich mehr davon) für 500gr Sahnegebäck und ein Stück Torte CHF 4.50 und danach die obligatorische Shisha mit Green Tea (leider kein the de mint aus Maroc?) für CHF 0.75. Ich brauche die Kalorien da es morgen am 4. November 2006 in die green mountains (Al Jabal Akhdar) in Richtung Ägypten geht. Endlich mal Berge!

So ihr Daheimgebliebenen, das war's in kürze.

Salaam aleikum aus Bengazi

Günter, 3. November 2006

Teil 3

Die ersten Steigungen in die Green Mountains tun richtig gut nach 2000 km ausschliesslich flachen Etappen. Die Landchaft wird auf einmal grün und ich sehe braune Erde mit Gemüseanbau. Auch die Temperaturen werden langsam angenehm und ich geniesse die kühle Höhenluft, der Verkehr wird auch weniger.

Das Mittelmeer leuchtet so richtig schön türkisfarben und lädt zum Baden ein, leider ist es ein wenig kalt und zu stürmisch. In Al Marj, einer kleinen Stadt mit nur einem Hotel werde ich mitten von der Strasse weg von einer Zivilstreife lauthals und sehr konkret aufgefordert ins Auto zu steigen und mit zukommen, kein Ausweis, nichts wird mir gezeigt, mir wird richtig mulmig zu mute. Ich füge mich und im Auto dreht sich die Stimmung und die Zivilpolizei bietet mit Kekse an und fährt mich zur Polizeistation. Dort sitze ich beim Chef und nichts passiert. Auf einmal fällt der Begriff Allemani, dann Klinsmann und Ballack etc. und das war's. Ich kann wieder gehen, keine Ahnung was das Theater bedeuten sollte. Seitdem bin ich, wenn kurz vor mir ein Auto hält und mich stoppt, immer wieder ein wenig nervös, besonders da die Libyer das mittlerweile sehr oft tun, um mir ihre Handynummer zu geben und vier Wörter englisch reden wollen. In zwei Städtchen werde ich am Ortseingang von einem Zivilfahrzeug (Polizei) angehalten und sie wollen wissen woher ich komme und wohin ich möchte (gut, dass ich die Fragen mittlerweile kenne und in gebrochenem Arabisch antworten kann). Wenn ich in dem Städtchen übernachte, bringt mich die Polizei dann bis ins Hotel und das war's. Sie sind aber alle sehr freundlich, seitdem fühle ich mich aber permanent beobachtet.Bild LibyenEin Highlight von solch einem Stopp war ein Libyer, der anhielt und auf mich zu rannte mit einer Banane und einer vergoldeten Armbanduhr in der Hand mit Gadaffi auf dem Zifferbaltt und mir die ohne Kommentar einfach schenkte. Da die Uhr mit Datum und Tagesanzeige ist, habe ich jetzt immer den Überblick (siehe Bildergallerie).

Die alten griechischen Städte Cyrene (ein Abbild von Delphi) und Apollonia (ca. 2600 Jahre alt) sind sehr gut erhalten. Mit ihren Mosaiken, auf denen man sogar rumlaufen kann, sind echt einen Besuch wert. Hier treffe ich auch wieder mal Touristen aus aller Welt und spreche ein paar Worte Englisch. Der Hotelier lädt mich zum Übernachten und zum Diner ein, mit Blick aufs Mittelmeer geniesse ich die Ruhe. In Richtung Ägypten gibt es wunderbare Strände, welche noch überhaupt nicht genutzt werden, zum Baden laden sie wegen dem Dreck auch nicht unbedingt ein. In Tubruq vor der ägyptischen Grenze werde ich dann mit dem 2. Weltkrieg konfrontiert, es gibt Friedhöfe von den Franzosen, vom Commonwealth und von den Deutschen. Das zieht sich bis nach Alexandria hin. Rommel und Montgomery lassen grüssen. Viele Gräber haben Daten von etwa 20-jährigen Soldaten...

Die Green Mountains waren der interessanteste Teil von Libyen in bezug auf Landschaft und Kultur, die letzten 200 km bis zur Grenze sind wieder eintönige und dreckige Wüste. Der Grenzübergang war ein kleines Erlebnis. Hunderte von Lkws, Autos und noch mehr Leuten kreuz und quer durcheinander. Ein libyscher Zollbeamter nimmt sich mir freundlicherweise an und schleust mich durch alle Kontrollen bis zur ägyptischen Seite. Fast wäre ich noch verhaftet worden, weil ich Fotos gemacht habe - ging nochmal gut.Bild Libyen

Fazit: Drei Wochen mit dem Velo durch Libyen ist schon heavy, der Verkehr und der Dreck, da muss man sich erstmal daran gewöhnen, gut dass die Leute extrem freundlich sind, das macht vieles wett. Die Küstenroute ist sehr langweilig, ein wenig Abwechslung bieten nur die Green Mountains. Die Libyer sind eher passiv im Gegensatz z.B. zu den Ägyptern, die immer was von dir wollen. Das macht es sehr angenehm zum Reisen. Tourismus hat in Libyen nur in der Wüste und an den drei Sehenswürdigkeiten ein wenig Bedeutung, das merkt man auch immer wieder, wenn man ein Hotel sucht. Es ist noch vieles staatlich organisiert. Wie mir gesagt wurde, fängt die Reprivatisierungswelle gerade erst an. Das heisst, was Gadaffi vor 36 Jahren verstaatlicht hat, wird jetzt wieder von ihm privatisiert.

Die Preise sind moderat, das heisst, ein Hotelzimmer bekommt man, wenn es eins hat, für etwa CHF 10-30. Der Zustand ist relativ gut und Internet ist fast überall zu ca. CHF 1 / pro Std. verfügbar. Ansonsten kann man irgendwo an einem Haus anklopfen und fragen ob man übernachten kann, das geht ohne Probleme. Es gibt auch eine Anzahl von youth hostels die ca. CHF 4 kosten und nicht schlecht sind. Essen kann man sehr preiswert in den lokalen Restaurants (oder besser gesagt offenen food stalls) Kebab, Pizza, etc. für ca. CHF 5. Die Dose Thunfisch erhält man bereits für CHF 0.75. Dann wiederum zahlt man manchmal wo anders CHF 20 für das Gleiche, warum habe ich allerdings nie rausgefunden.

Die Restriktionen mit dem Visum und dem lokalen Guide werden anscheinend nicht mehr so restriktiv wie auch schon gehandhabt. Zwei Radler (Dana und Frank) aus Dresden hatten in Berlin bei der libyschen Botschaft für 30 Tage ein Visum bekommen ohne Guide und ohne weitere Auflagen. Patrice aus Frankreich hat in Tunis innerhalb von drei Wochen ein Visum bekommen auch ohne Guide. Es lohnt sich also entweder in Tunis zu warten oder bei der zuständigen Botschaft hartnäckig zu sein. Der lokale Guide kostet nämlich ein Vermögen, bis zu 50 Euro (ohne Auto) pro Tag und dieser spricht meistens kein Englisch und kennt das Land nicht. Meiner hat zum ersten Mal eine Strassenkarte von Libyen gesehen und war zum ersten Mal an der Küste und in Bengasi. Der Strassenzustand ist relativ gut, aber es heisst auf die teilweise metergrossen Schlaglöcher und die fehlenden Kanalisationsdeckel in den Städten aufzupassen. Ich habe wirklich keinen einzigen libyschen Velofahrer gesehen?

Bye Bye Libyen

Specials

Artikel aus dem Tagesanzeiger vom 29.11.2006.

Route

Die Karte unten zeigt den gefahrenen Weg. Weitere Informationen zur gefahrenen Strecke sind bei auch bei denTourdaten zu finden.

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