Nachgedanken

Seit gut 3 Monaten bin ich wieder zu Hause. 14000 Kilometer und rund 300 Tage quer durch 14 Länder Afrikas im Sattel des "Frischluft Tour" liegen hinter mir. Es wird mir erst jetzt langsam bewusst, was ich geleistet habe. Am 1.Oktober 2006 bin ich ohne grosse Vorstellungen losgefahren mit dem Ziel, Kapstadt ca. August 2007 zu erreichen.

Bild Wenn man so unterwegs ist wie ich - das Velo, das Zelt und die Kochutensilien im Gepäck - wird man unabhängig. Man hält da, wo es einem gefällt, man übernachtet dort, wo es einen netten Platz gibt (nicht immer) oder man bleibt bei sehr netten Einheimischen, die einen einladen, ein bis zwei Tage zu bleiben. Man wird vogelfrei und es dauert ein wenig, bis man sich als Mitteleuropäer daran gewöhnt hat. Ich darf vorweg nehmen, das es ein traumhaft schönes Gefühl ist, sich treiben zu lassen, die Atmosphäre um sich herum aufzusaugen und die Einfachheit um sich herum zu geniessen. Die Natur, die Gastfreundlichkeit, die Neugierde der lokalen Bevölkerung, all das braucht Zeit, um sich daran zu gewöhnen. Besonders muss aber die innere Bereitschaft etwas Neues zu erleben vorhanden sein. Bei mir war die mentale Herausforderung grösser als die körperliche Anstrengung, bei Wind und Hitze, schlechten Strassen etc. zu radeln. Das Velofahren wird nach ca. 2000 Kilometern zur Routine, aber die tägliche Suche nach Essen, Trinken, Unterkunft, die nicht endenden Fragen der lokalen Bevölkerung, einen ruhigen Platz zu finden, um die Tageserlebnisse alleine zu verarbeiten, das waren für mich die wirklichen Herausforderungen. Nach ca. sechs Monaten schleicht sich auch eine Art mentale "Ermüdung" ein. Dann heisst es, sich selbst zu motivieren - und das ist nicht immer ganz einfach. Man lernt, die für uns Mitteleuropäer selbstverständliche Sachen wieder zu schätzen. Sei es eine saubere Toilette, ein sauberer Tisch zum Essen, mehr zu reden als nur "How are you, where are you from, do you have money, give me a pen" usw. Ein nettes Lachen und winkende Hände mit einem "Good journey, bon voyage" von einer Kindergruppe am Strassenrand sind ein regelrechtes Highlight für den Tag.

Bild Die Afrikaner sind meiner Erfahrung nach zu 99.9% sehr neugierig und haben auch alle Zeit der Welt. Sie wollen alles wissen, was ihr Sprachschatz hergibt. Dessen muss man sich bewusst sein, wenn man durch Afrika radelt. Ich habe gelernt darauf einzugehen und ich habe immer versucht, mir die Zeit zu nehmen, die Fragen zu beantworten. Ich konnte nachvollziehen, was es in dem doch eher monotonen Leben eines Afrikaners bedeutet, einen Weissen auf dem Fahrrad zu treffen und ihm Löcher in den Bauch zu fragen. Wahrscheinlich wurde später noch tagelang von mir erzählt. Je offener man auf die Leute zugeht, umso erlebnisreicher wird eine solche Reise.

Ich wurde immer wieder gefragt, ob es ein "Lieblingsland" für mich gibt. Dies kann ich beim besten Willen nicht beantworten. Jedes Land hat einen positiven Eindruck hinterlassen, oft war es nicht nur die eindrucksvolle Naturkulisse, sondern wie schon erwähnt, die Kleinigkeiten die ich tagsüber erlebte. In Libyen die geschenkte Gaddafi Armbanduhr von einem vorbeifahrenden einheimischen Autofahrer, in Ägypten die Weisse Wüste und die Shishas (Wasserpfeifen) inklusive dem Shai (Tee) der mir überall angeboten wurde. Im Sudan die sprichwörtliche Wüsten-Gastfreundschaft. In Äthiopien der grosse Grabenbruch und das tolle italienische Essen. Kenia mit seinem Mount Kenia und der sehr freundlichen Bevölkerung, Uganda, das demokratischste Land mit seiner einmaligen Landschaft. Ruanda mitten im Vulkangebirge, und einer Bevölkerung, die nach dem Genozid nach vorne schaut und nicht zurück. Burundi, wo ich wahrscheinlich seit Jahrzehnten der erste Individualreisende auf dem Velo war, der das durch jahrzehntelangen Bürgerkrieg geplagte Land durchquerte, in all seiner Armut, mit den sehr freundlichen Leuten. Sambia, ein sehr entwickeltes Land mit einer sehr angenehmen zurückhaltenden Bevölkerung, Botswana mit seiner einmaligen Tierwelt, Namibia mit einer einmaligen Naturkulisse und Südafrika, mit all seinem Luxus und Komfort.

Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit bei all den Menschen bedanken die mir so viele Emails geschrieben haben. Ihr glaubt gar nicht, wie gut es tut, in "the middle of nowhere" unter den schwierigsten Bedingungen eine Mail zu lesen und zu wissen, da hat jemand an dich gedacht, während du alleine irgendwo im Busch unterwegs warst. Nochmals, vielen Dank an alle.

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Ja, ich würde so eine Reise wieder machen. Immer wieder werde ich danach gefragt. Für mich gesprochen bedeutet "Reisen", das Weltbild aktualisieren, sich Gedanken machen, wie geht es mit einem Kontinent wie Afrika in die Zukunft und sich Vorort einen relativ objektiven Eindruck zu machen. Natürlich gehören auch die vielen Sehenswürdigkeiten und die Natur dazu. Ob mit dem Velo oder einem anderen Vehikel lass ich zurzeit dahin gestellt.

 

Ich habe auf meiner Website wenig über mein Velo "Frischluft Tour" geschrieben, das mag daran liegen, dass es einfach lief, ohne dass es je ein Problem gab. Die 14000 Kilometer, teilweise sehr schwierige Piste und die manchmal sehr raue Behandlung (sorry Frischluft), hat es unbeschadet überstanden. Der Stahlrahmen war sehr angenehm zu fahren, die Rohloffnabe eine Wucht, die Reifen traumhaft. Ich kann jedem das Velo, so wie es dasteht, für eine längere Tour nur empfehlen. Man kann sich nämlich dann auf die Reise konzentrieren und muss nicht immer etwas reparieren. Ein ganz herzliches Dankeschön an Philip von der Simpel GmbH und sein Team, die alles unternommen haben, um mir die Reise so problemlos wie möglich zu machen. Merci vielmals.

Auch die vielen Komplimente für meine Website, möchte ich gerne ungefiltert an meinen Freund Achim Bosse weitergeben. Er hat es ermöglicht, dass alle Leser Anteil an meiner Reise nehmen konnten. Von denaltVorbereitungen und ersten Gedanken bis zu denaltTourdaten könnt Ihr hier auch weiterhin alles nachlesen.

Sollten Leser(innen) so ähnliche Gedanken (Träume) wie ich haben, eine solche Reise zu unternehmen, egal auf welche Art, setzt euch einen Abreise Termin und seid offen für alles Neue was euch begegnet!

Have a safe trip

Günter

Oberrieden im November 2007