Sudan

Teil 1

Die Ankunft am Morgen in Wadi Halfa war auf dem Schiff wie die Abfahrt in Assuan voller Hektik, jeder wollte zuerst raus, was aber die sudanesischen Zöllner zu verhindern wussten. Es dauerte nach dem Anlegen ca. zwei Stunden bis wir das Schiff verlassen durften. Bei den Zollformalitäten geht es sehr ruhig, ja fast schon langsam zu, aber wir Fremden werden bevorzugt behandelt und es klappt alles bestens, auch mit meiner Visa-Verlängerung gibt es kein Problem. Hinter der Abfertigung fängt Afrika an: Staub und ein paar Hütten, das ist alles. Ich muss nach Halfa rein zum Registrieren bei der Polizei. Die drei Kilometer sind eine reine Sand- und Wellblechpiste und ich komme staubig in dem Wüstendorf an. Und hier fällt mir auf einmal auf, dass dich keiner anspricht, dich alle sehr höflich mit einem "how are you?" begrüssen und dich anlachen. Das ist alles, traumhaft. Die Polizei ist sehr freundlich und hilft mir beim Pass kopieren. Die Registrierung dauert dann ca. vier Stunden bis alles erledigt ist, und das alles im gleichen Gebäude, man muss von Büro zu Büro und überall auf jemanden warten. Hier geht alles ein wenig langsam, dafür viel gemütlicher vor sich, nur keine Hektik bitte im Sudan. Ich fange an, das Leben neu zu geniessen nach den hektischen letzten drei Wochen in Ägypten.Ich muss mir Gedanken machen, wie ich weiterfahre, denn die anderen Reisenden nehmen den Bus in Richtung Khartoum. Ich kann die östliche Route entlang der Eisenbahn nehmen oder westlich den Nil entlang. Beide sind extrem anspruchsvoll und ich zögere noch. Auf der östlichen Route sind 370km Sandpiste angesagt mit dem ersten Wasserloch bei Station 6 nach 180km, bei der westlichen soll es nicht viel besser sein. Die Einheimischen erklären mich für verrückt wegen dem Sand und den vielen wilden Tieren, die da sein sollen und fragen mich immer wieder, ob ich eine Waffe dabei habe, was ich verneine. Ich verschweige mein Schweizer Offiziersmesser. So langsam kriege ich Muffensausen und muss mich entscheiden.Bild SudanSchliesslich finde ich einen Kompromiss und fahre mit dem Zug von Halfa nach Abu Hammed. Der Zug fährt noch am gleichen Tag ab (12 Stunden Fahrt, in shallah) und so kaufe ich mir ein 3. Klasse Ticket (es gibt nur 3. Klasse?). Man stellt sich das so vor, dass fast die komplette Waren vom Schiff nun in den Zug verlagert werden müssen, natürlich in Passagierwaggons und nicht in die Gepäckwagen. Gut, dass ich einen reservierten Platz habe (und das in der 3. Klasse). Die Waren werden stundenlang durch die Fenster eingeladen und irgendwie verstaut. Am Schluss sind die Toiletten und Gänge total verbaut und es gibt kein Durchkommen mehr. Das Schöne an der Sache ist: es findet in einer hektischen, aber friedlichen und freundlichen Atmosphäre statt. Am Bahnhof findet sich eine Gruppe Schüler ein, die Singen und Tanzen, dass es eine Freude ist. Kein arabisch orientalisches Gekreische aus dem Fernsehen, sondern rhythmische Gesänge mit Trommeln und lachenden Gesichtern. Ich muss noch mein Handy abholen, was hier für mich hinterlegt worden ist. Ich habe in Libyen einen sudanesischen Reiseführer getroffen, der mir versprach mir ein Handy zur Verfügung zu stellen. Endlich in Afrika!

Die 12 Stunden Fahrzeit waren einmalig, die Fenster gingen nicht richtig zu und alle Passagiere sahen am nächsten Morgen in Abu Hammed wie sandgepudert aus. Ich steige in einem Dorf aus, das aus mehreren Hütten und Geschäften und aus Staubstrassen besteht, wo es keinen Strom gibt. Auch hier grüssen dich alle wieder freundlich mit einem sallam und das war's. Das einzige Hotel ist wegen Renovierung geschlossen, aber es wird mir irgendwo ein Bett angeboten ohne grosses Aufsehen und ohne eine Gegenleistung (Geld).

Dann geht es endlich weiter mit dem Velo in Richtung Atbara. Das Frischluft Tour und ich meistern die ersten Sand-, Geröll- und Wellblechpisten und geniessen wieder die Wärme. Tagsüber wird es bis zu 35 Grad warm. Übernachten tue ich rechts und links von der Strasse in verfallenen Häusern oder Unterständen. Der Nordsudan ist Halbwüste mit Sand und Geröll, flach und es geht immer geradeaus. Gut das ich genug Wasser mitgenommen habe, denn die Versorgungslage hier ist sehr dürftig. Der Verkehr ist sehr gering und die Autofahrer sind sehr rücksichtsvoll. Auch hier (wie in Libyen) werde ich zum Übernachten eingeladen. Wildfremde Leute zahlen mir den Tee und das Essen unterwegs, einfach toll.Bild Sudan A propos Essen. Fuul ist hier das Nationalgericht, das sind gekochte braune Bohnen, die in einer Blechschüssel mit einer Cola-Dose zermanscht werden, mit Salz, Pfeffer und Oel abgeschmeckt werden und dann mit Fladenbrot und der rechten hand gegessen werden. Schmeckt echt gut und macht satt und stärkt. Unterwegs gibt es immer wieder Polizeikontrollen, die den Pass sehen wollen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass hier bis jetzt sehr wenige Velofahrer vorbei gekommen sind. Es geht aber alles sehr friedlich ab. Von der Mautgebühr auf der Strasse nach Atabar werde ich befreit, resp. merke es gar nicht und fahre einfach weiter. Unterwegs gibt es noch die wunderschönen Pyramiden in Mereo zu besichtigen. Nicht ganz so gross wie in Giza aber es gibt keine Touts und die zig Pyramiden kann ich alleine besichtigen.

 

Bild SudanNach sieben Tagen erreiche ich Khartoum und stelle fest, dass die Hotels alle ca. 200 bis 300% teurer geworden sind wie im aktuellen, ein Jahr alten Reiseführer. Ich entscheide mich ein paar Tage hier zu bleiben und besuche die Flusskreuzung, wo der blaue und der weisse Nil zum Nil zusammenfliessen. (ich werde die Quellen dann noch in Äthiopien und beim Victoria Lake besuchen). Die tanzenden Derwische in der Moschee Halgt Akzir sind ein Erlebnis. Nur durch rhythmische Trommelgeräusche tanzen sich viele in eine totale Trance und bleiben dann wie im Koma im Staub liegen. So typisch afrikanisch sind auch die Souqs, alles wird hier im Staub auf der Strasse verkauft. Ich brauche eine Stunde bis ich Sekundenkleber gefunden habe, den ich zum Kleben meiner defekten Kocherpumpe brauche. Alleine das Sich-hier-treiben-lassen und da einen Tee zu trinken, die herrlich frisch gepressten Fruchtsäfte zu geniessen, ist toll. Der Verkehrslärm ist trotz der Menge an Autos erstaunlich ruhig, ich komme mir fast wie in einem Kurort vor. Ich muss bei der Hotelsuche nicht mehr auf Strassenlärm achten. Ich finde für meine Weiterfahrt meine geliebten Snickers Riegel und kaufe gleich 20 Stück.

So, das war's fürs Erste aus dem Sudan, einem wunderschönen Land, mit sehr netten und gastfreundlichen Leuten. Ich fahre die Tage weiter über Wad Medani und Gedaref nach Äthiopien.

Sallam aus Khartoum

Günter

P.S. Es gibt für den Nordsudan (gilt für meine Route) keine Reiserestriktionen noch werden Reisepermits benötigt.

Teil 2

Nach vier Tagen Khartoum geht es zum Abschluss bei der Schweizer Botschaft vorbei und dort werde ich freundlichst empfangen. Am Abend geht es zur deutschen Botschaft, wo ein Sommerfest stattfindet, zu dem ich eingeladen wurde. Dort erlebe ich einen deutschsprachigen Abend mit sehr angenehmen Erfrischungen und sehr viel Gesprächsstoff, insbesondere über die Zustände in den Krisengebieten.

Am nächsten Tag geht es in Richtung Äthiopien und es wird hinter Khartoum noch mal echt heiss. Die Temperaturen steigen bis auf knapp 40 Grad, ich muss mittags eine längere Pause machen, um die grösste Hitze zu vermeiden. Leider muss ich auf der Hauptstrasse in Richtung Port Sudan bis Gedaref fahren. Die Strecke ist zweispurig ohne Seitenstreifen und voll von Trucks und Bussen in Richtung Port Sudan.Bild Sudan Die Truckfahrer sind echt sehr rücksichtsvoll und warten mit dem Überholen. Die Busfahrer jedoch zwingen mich mehrfach in den Seitengraben, ich komme nicht nur wegen der Sonne ins Schwitzen. Überall, wo ich anhalte, um was zu trinken oder zu essen werde ich eingeladen. "You are visiting our country so you are my guest". Es wird mir langsam peinlich, aber das ist die sudanesische Gastfreundschaft, von der ich schon so viel gehört habe. Leider gibt es auf der Strecke nichts zu besichtigen, so bringe ich die paar Hundert Kilometer schnell hinter mich. Von Gedaref zur äthiopischen Grenze wird es ruhiger, vom Verkehr her, aber umso heisser, was die Temperaturen betrifft. Mein Velocomputer zeigt bis 50 Grad an. Seit gut 10 Wochen habe ich nur noch Sandalen an und habe keinen Tropfen Regen mehr gespürt.

Die Landschaft wird ein wenig grüner und es tauchen die ersten Siedlungen mit Lehmstrohhütten auf. Ich übernachte in einer von diesen und bekomme das lokale Leben so hautnah mit. Es handelt sich um Sudanesen die aus Darfur hierher übersiedelt wurden und Ackerbau und Viehzucht betreiben. Echt ganz tolle und freundliche Leute. Strom gibt es keinen resp. nur in paar Hütten, wo die Besitzer einen kleinen Generatoren haben. So langsam geht es auch in die Höhe und ganz weit weg sehe ich schon die ersten Berge von Äthiopien. Nach Bild Sudangut 4500 Kilometern, mehr oder weniger flachen Etappen, freue ich mich schon auf ein paar Berge, auch wenn die Strassen in Äthiopien teilweise sehr schlecht sein sollen. Aufpassen muss ich nur auf die vielen Viehherden (Kühe und Schafe), die urplötzlich vor mir auf der Strasse auftauchen und stoisch ihren Weg gehen. Die letzten 20 Kilometer vor der Grenze sind noch nicht geteert und so quäle ich mich in der Hitze zur Grenzstadt Gallabat, wo ich meine letzten zwei Portionen Fuul (Bohnen) esse und dann den Zoll und die Passkontrolle suche. Es gibt hier keinen Grenzbaum, sondern im Wind flattern nur die zwei Landesfahnen und irgendwo rechts oder links in einem unscheinbaren Gebäude finden problemlos die Formalitäten statt. Die Einheimischen laufen einfach von einem zum anderen Land und kaufen dort ein, wo es am billigsten ist. Ich werde mehrfach von den Sudanesen vor den Äthiopiern gewarnt (weg dem Klauen). Solche Warnungen kenne ich schon von allen Ländern zuvor, bestätigen kann ich es nicht. Jetzt heisst es Abschied nehmen von vier arabisch-islamischen Ländern, die ich bereist habe und sich auf eine neue Mentalität von Menschen einzustellen.

Bye bye Sudan, ich habe die Zeit sehr genossen und werde den Sudan als ein sehr gastfreundliches Land in Erinnerung behalten.

Fazit: Der Sudan ist aufgrund der sehr lang anhaltenden internen Probleme noch nicht sehr touristisch aufgestellt. Er öffnet sich aber langsam und lässt alle seine Besucher die sprichwörtliche Gastfreundlichkeit spüren. Sehenswürdigkeiten gibt es nicht sehr viele und die ethnisch interessanten Stämme liegen leider alle in den Krisengebieten. Das Velofahren ist sehr angenehm, die Hauptstrassen sind in einem guten Zustand, die Nebenstrassen leider in einem so schlechten, dass stundenlanges Schieben und Schwitzen angesagt sind. Leider sind die Hotelpreise extrem hoch, die Budget-Unterkünfte sind aber teilweise in einen so schlechten Zustand, dass ich lieber im Freien übernachtet habe. Zum Essen gibt es Bohnen und Fleisch (Kebab) und dazu herrliche Fruchtsäfte.

Salaam Sudan

Specials

altArtikel aus dem Tagesanzeiger vom 07.02.2007.

Route

Die Karte unten zeigt den gefahrenen Weg. Weitere Informationen zur gefahrenen Strecke sind bei auch bei denaltTourdaten zu finden.

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